Jeden ersten Sonntag im Monat
erscheint im Extra-Tipp in der
Ausgabe Mönchengladbach die
aktuelle Kolumne von Dr. Günter
Krings "Blick aus Berlin".

 

 

Der demographische Wandel

Es führt kein Weg daran vorbei: Wir werden immer älter. Nicht nur jeder von uns persönlich, sondern eben auch die deutsche und die Mönchengladbacher Bevölkerung im Altersdurchschnitt. Im Rahmen einer Themenwoche zum sogenannten „demographischen Wandel“ hat sich zuletzt die ARD dieser Erkenntnis unter dem Motto „Mehr Zeit zu Leben“ angenommen. Die Veränderungen in der Alterstruktur bringen Probleme mit sich. Der Generationenvertrag in der Rentenversicherung war über Jahrzehnte ein Garant für soziale Gerechtigkeit und Solidarität zwischen Jung und Alt. Er hat funktioniert, solange die Zahl der Leistungsempfänger wesentlich kleiner war als die Zahl der Beitragszahler. Das ist heute nicht mehr der Fall. Der Beschluss des Bundestages, die Renten zum Juli 2008 um 1,1 % zu erhöhen, hat den latenten Interessenkonflikt an die Oberfläche befördert. In einem Interview hat Alt-Bundespräsident Roman Herzog vor einer Entwicklung gewarnt, an deren Ende „die Älteren die Jüngeren ausplündern“. Stehen uns nun knallharte Verteilungskämpfe zwischen den Generationen bevor? Befinden wir uns wirklich auf dem Weg in die Rentnerrepublik?

Ich glaube nicht! Betrachten wir doch nur einmal die Fakten: Im Jahre 2007 wurden die Renten um 0,56 % erhöht, davor gab es drei Nullrunden. Eine Erhöhung von 1,1 % bringt nicht einmal den Inflationsausgleich. Vor diesem Hintergrund von einem „Ausplündern“ der Jungen zu sprechen, wäre zumindest eine krasse Übertreibung. Wir müssen uns vor einem Zerrbild der Rentnergeneration hüten: In einer Umfrage des ARD Morgenmagazins war sogar fast jeder zweite Rentner bereit, zugunsten der jungen Generation auf Rentenerhöhungen zu verzichten. Mir ist daran gelegen, dass unsere älteren Mitbürger in unserer Gesellschaft die verdiente Wertschätzung erfahren. Die gestiegene Lebenserwartung ist eben vor allem ein Geschenk und eine Chance für uns alle. Dennoch muss es erlaubt sein, auf die finanziellen und mehr noch auf die systematischen Konsequenzen einer außerplanmäßigen Rentenerhöhung hinzuweisen. So sehr die kleine Erhöhung jedem Betroffenen zu gönnen ist, es muss auch erlaubt sein, darauf hinzuweisen, dass es sich hier um einen systemwidrigen Eingriff in die – mit guten Gründen um demographische Faktoren ergänzte – Rentenformel. Dieses Beispiel darf nicht Schule machen. Denn wie sollen wir den heute 30- oder 40-jährigen klar machen, dass sie die ersten Nachkriegsjahrgänge sein werden, die erst mit 67 Jahren in Rente gehen können, wenn wir über die Probleme der Rentenversicherung nicht offen sprechen können? Wir brachen eine breite gesellschaftliche Debatte, wie wir eine angemessene Alterssicherung auch in den kommenden Jahrzehnten sicherstellen können.
 
Zu dieser Debatte gehört übrigens auch die folgende Erkenntnis: Unsere Gesellschaft ist nicht „überaltert“, sie ist vielmehr „unterjüngt“. Im Klartext: Es gibt nicht zu viele Ältere, sondern zu wenige junge Menschen. Daher ist die Förderung junger Familien ein wichtiger Eckpfeiler einer generationengerechten Politik. Unter Angela Merkel und Ursula von der Leyen hat die Bundesregierung mit dem Elterngeld eine wegweisende Neuerung vorgenommen. Mittlerweile hat sich nicht nur das gesellschaftliche Klima zugunsten der Familien verändert, die Geburtenrate hat 2007 immerhin knapp den höchsten Stand seit der Wiedervereinigung erreicht. Die Politik beginnt, der Lebenswirklichkeit junger Familien gerecht zu werden. Auch die Initiative der nordrhein-westfälischen Landesregierung, ein flächendeckendes Angebot an Ganztagsrealschulen und Ganztagsgymnasien zu schaffen, weist in die richtige Richtung. Eine kinder- und elternfreundliche Gesellschaft gedeiht aber niemals in einem Krieg der Generationen, sondern sie ist auf die Gemeinschaft der Generationen angewiesen. Die unterstützenden Großeltern sind da oft noch wichtiger als staatliche Hilfen. Ich freue mich daher, dass Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen in diesem Monat auch in Mönchengladbach ein Mehrgenerationenhaus eröffnen kann.