Jeden ersten Sonntag im Monat
erscheint im Extra-Tipp in der
Ausgabe Mönchengladbach die
aktuelle Kolumne von Dr. Günter
Krings "Blick aus Berlin".

 

 

Die Fussball-EM 2008

Ab dem 7. Juni wird die Politik für drei Wochen nur noch die zweite Geige spielen. Die Europameisterschaften stehen vor der Tür, und König Fußball regiert die Welt. Alle Blicke sind auf Österreich und die Schweiz gerichtet. Die Hoffnungen der Nationen begleiten die sechzehn Nationalteams, von denen sich zwei im Wiener Finale gegenüberstehen werden, durch das Turnier. Auch in unserem Land steigt die Spannung spürbar, genauso wie seit der Klinsmann-Ära die Erwartungshaltung an unsere Mannschaft.
 
In Mönchengladbach ist die fußballerische Euphorie schon längst ausgebrochen. Unsere Borussia konnte die abgelaufene Saison völlig verdient auf dem ersten Tabellenplatz abschließen. Die Mannschaft hat vor allem in den Auswärtsspielen begeisternden Fußball geboten – was für ein Gegensatz zur spielerischen Tristesse des Abstiegsjahres. Diese erfreuliche Entwicklung ist beileibe keine Selbstverständlichkeit. Die sportliche Leitung um Christian Ziege hat ganze Arbeit geleistet. Bei den Neuverpflichtungen war der Charakter der Spieler von ausschlaggebender Bedeutung. Diese Eigenschaft war in der Spielzeit 2006/2007 nicht gerade im Überfluss vorhanden. Nun haben wir wieder echte Spielertypen wie Sascha Rösler, Alexander Voigt, Rob Friend und Roel Brouwers. Da ist mir vor der 1.Bundesliga nicht bange!
 
Die herausragenden Leistungen unserer Spieler sind auch dem Bundestrainer Joachim Löw und seinem Stab nicht verborgen geblieben. Oliver Neuville und Marko Marin haben es den Verantwortlichen offensichtlich besonders angetan. Die Berufung von zwei Akteuren in den vorläufigen Kader der deutschen Nationalmannschaft bedeutet für einen Verein, der eine „Ehrenrunde“ durch die Zweite Liga drehen musste, eine große Ehre. Nun hat sich Joachim Löw dafür entschieden, Marko Marin nicht zur Europameisterschaft mitzunehmen. Man muss ja in diesem Leben nicht alles verstehen. Allerdings sollte man das Turnier in Österreich und der Schweiz auch nicht nur durch unsere Vereinbrille betrachten. Es geht schließlich um Deutschland! Und ich bin mir sicher, dass die Zeit von Marko Marin auch im Nationalteam noch kommen wird.
 
Der Sitzungsplan des Deutschen Bundestages bringt es mit sich, dass ich die letzten beiden Turnierwochen in Berlin miterleben werde. In unserer Hauptstadt ist die Vorfreude auf dieses Ereignis mit den Händen zu greifen. In vielen Kneipen, Clubs, Bars und Biergärten werden mehr oder weniger große Leinwände aufgebaut sein, auf denen die Berliner die Spiele verfolgen können. Ab dem 23. Juni wird es auf der Fanmeile vor dem Brandenburger Tor wieder Public Viewing geben. Auf einer Strecke von 2,5 Kilometern können die Fans, welche keine der begehrten Eintrittskarten ergattert haben, Halbfinale und Endspiel verfolgen. Da kommen natürlich direkt Erinnerungen an die Fußball-Weltmeisterschaft hoch. Nicht nur die Hauptstadt, sondern das ganze Land versank in einem Meer aus Schwarz-Rot-Gold. Die Begeisterung für unsere Mannschaft ging mit einer gesunden Portion Patriotismus einher. Deutschland hat das gut getan. Dieses Empfinden schärft den Blick dafür, das Gemeinwohl und nicht nur Einzelinteressen im Auge zu behalten. Ich fände es daher schön, wenn die schwarz-rot-goldenen Fahnen wieder das Stadtbild prägen würden. Und ich wünsche mir, dass Michael Ballack am 29. Juni in Wien den Pokal in den Abendhimmel hält und wir dann im ganzen Land feiern können – vom Alten Markt bis zum Brandenburger Tor!