Die USA in Berlin
Viele Berlin-Besucher haben unsere Hauptstadt in den letzten Jahren als eine „ewige Baustelle“ erlebt. Zumindest im Herzen des politischen Berlin, im Bereich Reichstag/Brandenburger Tor/Pariser Platz sind die Bauprojekte nun aber weitgehend vollendet. Den Schlussstein der Wiederbebauung am Brandenburger Tor bildet nun die neue Botschaft der USA, die wieder zurückgekehrt ist an ihren alten Platz aus der Vorkriegszeit. Als Vizevorsitzender der deutsch-amerikanischen Parlamentsgruppe konnte ich mich schon vor zwei Wochen davon überzeugen, dass sich das Gebäude sehr harmonisch in das Zentrum Berlins einfügt – und das trotz erheblicher Sicherheitsmaßnahmen auf dem Gelände.
Gerne bin ich daher der Einladung zur offiziellen Eröffnung der Botschaft gefolgt. Besonders gefreut hat mich, dass ich schon vorab Gelegenheit hatte, den zur Eröffnung angereisten früheren Außenminister Henry Kissinger zu treffen. Mein halbstündiges Vieraugengespräch mit dem Friedensnobelpreisträger war schon allein deshalb faszinierend, weil Kissinger auch mit 85 Jahren die heutigen weltpolitischen Probleme noch überaus scharf analysiert und dabei auf fünf Jahrzehnte praktischer außenpolitischer Erfahrung zurückgreifen kann.
Gesprochen habe ich mit Kissinger auch über ein zentrales Ereignis in der Geschichte Deutschlands und Berlins, das sich in diesen Tagen zum 60. Male jährt: Die Berliner Luftbrücke ruft die Erinnerung an die Solidarität der USA und der anderen westlichen Alliierten mit den Menschen im freien Teil von Berlin wach. Als die Sowjets wenige Tage nach der Währungsreform in den Westzonen am frühen Morgen des 24. Juni 1948 alle Zufahrtswege nach Berlin sperrten, war die Stadt ähnlich wie unsere Heimat noch größtenteils eine Trümmerwüste. Die weitgehend unvorbereiteten Westmächte haben Berlin nicht aufgegeben, sondern die Stadt auf dem einzig verbliebenen Wege, nämlich aus der Luft, fast ein Jahr lang am Leben gehalten. 322 Tage wurden die „Insulaner“ aus der Luft mit allen lebenswichtigen Gütern versorgt. Die Luftbrücke wurde zu einer logistischen Meisterleistung. Dank eines ausgeklügelten Systems konnte bald alle drei Minuten ein Transportflugzeug in Berlin landen. Dennoch darf man mit dem Abstand von heute die Dramatik jener Zeit und die menschenverachtende Strategie der Sowjetunion nicht unterschätzen. Die begrenzten Kapazitäten gestatteten nur den Transport wirklich lebensnotwendiger Güter. Und auch die Luftbrücke konnte nicht verhindern, dass im Winter 1948/49 die Infektionsquoten und die Sterbeziffern rapide anstiegen. Zudem ließen bei den rund 278.000 Flügen 41 Briten, 31 US-Amerikaner und 6 Deutsche ihr Leben.
Trotz dieser Opfer erwies sich die Luftbrücke als großartiger Erfolg. Sie stärkte den Freiheitswillen der Berliner und brachte die Solidarität des Westens mit Deutschland zum Ausdruck. Die „Rosinenbomber“ von einst sind das Symbol dieser Solidarität geblieben. In dieser Tradition steht die transatlantische Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten. Die allzu berechtigte Kritik, die wir an manchen Fehlentscheidungen der amerikanischen Außenpolitik der letzten Jahre üben, sollte uns nicht die gemeinsamen Grundüberzeugungen der westlichen Welt vergessen lassen. Auch deshalb ist es gut, dass die US-Botschaft pünktlich zum 60. Jahrestag der Luftbrücke an ihren alten Ort neben das Brandenburger Tor zurückkehrt.