Jeden ersten Sonntag im Monat
erscheint im Extra-Tipp in der
Ausgabe Mönchengladbach die
aktuelle Kolumne von Dr. Günter
Krings "Blick aus Berlin".

 

 

Ein jeckes Märchen zum Karneval

Welcher echte Rheinländer kann sich in diesen Tagen schon dem Karneval entziehen? Am heutigen Tulpensonntag sind wir in Mönchengladbach natürlich mittendrin statt nur dabei. Nach dem alljährlichen Startschuss am 11.11. und dem Beginn des Sitzungskarnevals mit der Prinzenproklamation befinden wir uns seit Altweiber in der ausgelassensten Karnevalsphase – dem Kneipen- und Straßenkarneval. Nun beherrschen die zahlreichen Stadtteilzüge die Szenerie, bevor mit dem großen Mönchengladbacher Veilchendienstagsumzug der Höhepunkt des karnevalistischen Treibens erreicht wird.

Mit der Karnevalszeit verbinde ich den Frohsinn der Mitmenschen in Mönchengladbach. Unser Markenzeichen ist dabei die Toleranz im Umgang miteinander. Es ist gut, dass in Büttenreden und auf den Motivwagen Ereignisse und Personen durch den berühmten „Kakao“ gezogen werden können, ohne dass daran Anstoß genommen wird. Wenn man sich nicht mehr traut, über bestimmte Politiker, Geisteshaltungen oder selbst religiöse Fragen Witze zu machen, wäre das ein Alarmsignal, dass etwas in unserem Land nicht mehr stimmt. Schließlich ist es uns freigestellt, was wir mit den „tollen Tagen“ anfangen. Der eine engagiert sich in einer Karnevalsgesellschaft, der nächste lässt sich auf einer Sitzung unterhalten und betrachtet die Karnevalszüge am Straßenrand und ein Dritter kann mit dem Geschehen vielleicht gar nichts anfangen und ignoriert das bunte Treiben – so gut es geht. Jeder Jeck ist halt anders.
 
Die Organisation karnevalistischer Veranstaltungen hat in Mönchengladbach längt ein professionelles Niveau erreicht. Dennoch lebt unser Karneval nur von und mit dem Engagement hunderter ehrenamtlich tätiger Mitglieder. Das gilt für die Planungen im Vorfeld einer Sitzung bis hin zu der zeitintensiven Gestaltung der prunkvollen Karnevalswagen. Diese Aufgaben können wir nicht hoch genug schätzen.
 
Der Kreativität und dem Erfindungsreichtum des Mönchengladbacher Karnevalsverbandes verdanken wir auch das diesjährige Motto „Karneval, ein jeckes Märchen“. Natürlich beflügelt ein solches Motiv die Phantasie vieler Feiernder und ich bin schon gespannt, welche Kostüme und Motive wir an den Karnevalstagen zu sehen bekommen.
 
Aus Berlin kann ich als Abgeordneter hierzu allerdings auch einige „märchenhafte“ Beispiele beisteuern: Mancher Kollege ruft nur allzu gerne „Tischlein deck dich“, wenn es darum geht, frisches Geld auszugeben – nur vergisst er, dass der Tisch nicht von Geisterhand, sondern vom Steuerzahler gedeckt wird. Und auch der Trick mit dem „Esel streck dich“ und den heraus fallenden Dukaten hat seit den Gebrüdern Grimm nie mehr richtig funktioniert. Hingegen scheint die Aufforderung „Knüppel aus dem Sack“ angesichts mancher Gesetzesvorhaben aus dem Hause Schäuble noch ganz aktuell zu sein. Und zwischendrin fordert Guido Westerwelle Angela Merkel immer wieder auf, ihr Haar herunterzulassen, um sich daran auf die Regierungsbank zu schwingen. Er ruft übrigens so laut, dass nebenan die Grünen aus ihrem Dornröschenschlaf aufzuwachen drohen. Ungerührt tanzen unterdessen Gregor Gysi und Oskar Lafontaine um ihr Streikpostenfeuer und freuen sich diebisch, dass niemand den neuen Namen rät, den die KPD/SED/PDS/Linke sich in diesem Jahr gegeben hat.

Sie sehen also: Auch in Berlin läuft manchmal ein jeckes Märchen ab.