Jeden ersten Sonntag im Monat
erscheint im Extra-Tipp in der
Ausgabe Mönchengladbach die
aktuelle Kolumne von Dr. Günter
Krings "Blick aus Berlin".

 

 

Terror in Indien

Es geht mir sicher nicht anders als Ihnen: Ereignisse aus aller Welt berühren einen mehr, wenn man einen persönlichen Bezug zu den Ländern und Orten des Geschehens hat. Ich war daher besonders schockiert, als in der letzten Woche die Bilder des Terrors aus Mumbai (dem früheren Bombay) auf unseren Bildschirmen und in unseren Zeitungen auftauchten. Erst wenige Tage zuvor war ich von einer Reise nach Indien zurückgekehrt. In Neu Delhi und Kalkutta hatte ich Gespräche zu Fragen der nachhaltigen Entwicklung in diesem regional sehr unterschiedlichen Land geführt und auch in Hotels der Oberroi-Kette, die eines der Terrorziele war, übernachtet.
 
Die Attentate von Mumbai bestätigten auf bittere Weise meinen Eindruck aus vielen Gesprächen mit Menschen der verschiedenen Volksgruppen und politischen Vertretern: Indien, das wir seit einigen Jahren vor allem als Wirtschaftswunderland mit grandiosen Wachstumsraten wahrnehmen, hat immense soziale Probleme. Zwar ist der Mittelstand in den vergangenen Jahren gewachsen und die Armut zurückgegangen. Die Zahl der Menschen, die mit maximal einem US-Dollar pro Tag auskommen müssen, ist in diesem 1-Milliarde-Einwohner-Land aber immer noch höher als in ganz Afrika. Soziale Spannungen machen sich allerdings nicht nur an Armutsfragen fest. Es geht den Menschen sehr viel allgemeiner um die Teilhabe an der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung sowie an den politischen Entscheidungen in dieser „größten Demokratie der Welt“.
 
Diese Spannungen werden durch zwei Umstände verschärft: Zum einen ist das Bevölkerungswachstum Indiens ungebremst. Daher drängen jedes Jahr über zehn Millionen junge Männer auf den Arbeitsmarkt. Arbeitsgelegenheiten gibt es aber höchstens für die Hälfte von ihnen. Zum anderen versuchen immer mehr radikale religiöse Gruppen die Unzufriedenheit und eine wachsende Aggressionsbereitschaft für ihre üblen Zwecke auszunutzen. Radikale Hindugruppen begehen seit Jahren Übergriffe auf Christen und Anhänger von Naturreligionen. Jüngst etwa starben über 80 Christen im Bundesstaat Orissa. Dafür, dass Indien mit 150 Millionen Moslems die weltweit größte islamische Minderheit aufweist, funktioniert das Zusammenleben bislang ohne größere Reibungen. Der international vernetzte islamistische Terror hat nun aber offenbar auch Indien erreicht. Das gezielt Europäer Opfer der Anschläge werden sollten, zeigt, dass wir diese Gefahr auch in Deutschland nicht länger ignorieren können.
 
Terror ist kein neues Phänomen. Fielen ihm vor einem Jahrhundert (zwischen 1894 und 1913) in Europa insgesamt neun Könige, Präsidenten und Premierminister und viele hohe Beamte zum Opfer, so sind heute alle Menschen seine potentiellen Opfer – sei es in New York, London, Madrid oder Mumbai. Für eine verantwortliche Politik bedeutet dies aus meiner Sicht zweierlei: Alle sinnvollen Maßnahmen zur Steigerung unserer Sicherheit sollten wir ergreifen, solange wir unseren freiheitlichen Lebensstil dabei bewahren. Und ein Land wie Indien, das eigentlich aus einem Konglomerat von aufstrebenden Industrieländern und armen Entwicklungsländern besteht, sollten wir mit seinen sozialen Problemen nicht alleine lassen. Nicht nur wegen seiner radikalen religiösen Gruppierungen liegt die Stabilität dieses Subkontinents auch in unserem ureigenen Interesse.