Jeden ersten Sonntag im Monat
erscheint im Extra-Tipp in der
Ausgabe Mönchengladbach die
aktuelle Kolumne von Dr. Günter
Krings "Blick aus Berlin".

 

 

Wahlmüdigkeit

Die Spitzen der bundesdeutschen Politik – ob in Regierung oder Opposition – werden in der vergangenen Woche ihren Augen nicht ganz getraut haben: Da kommen 200.000 Menschen an die Berliner Siegessäule, um einen ausländischen Politiker zu sehen (und vielleicht auch zu hören), der zudem nicht als Amtsinhaber, sondern als Wahlkämpfer erschien. Wohlgemerkt als Wahlkämpfer in einer Abstimmung, in der die 200.000 Deutsche gar nicht stimmberechtigt sind.

Ich spreche natürlich von dem demokratischen Bewerber um das Weiße Haus Barack Obama. Die 200.000 Menschen in Berlin waren auch für ihn ein Rekord. Vor einer so großen Menschenmenge hatte der Sunny-Boy der US-Politik selbst im eigenen Land noch nicht gesprochen.

Aber was macht die Faszination dieses Mannes aus? Oder anders gefragt: Was hat er, was Merkel, Beck oder Westerwelle in den Augen vieler Menschen offenbar nicht haben? An seinem Urururururur-Großvater aus dem elsässischen Bischweiler wird es kaum liegen, dass der Politiker auch in Deutschland so viele Anhänger hat. Und politische Erfahrung hat er bislang kaum vorzuweisen, was ihn ja auch von seinem viel blasser wirkenden republikanischen Mitbewerber John McCain unterscheidet. Vollständig erklären lässt sich das Phänomen Obama wohl nicht. Offensichtlich aber haben seine Jugendlichkeit, sein frisches Auftreten, sein ansteckendes Lachen und seine visionäre Rhetorik viel mit seinem Erfolg zu tun.
 
Kein Wunder also, dass 72% der Deutschen sich Obama als US-Präsidenten wünschen. Dürften die Deutschen wählen – McCain hätte wohl keine Chance. Trotzdem wage ich die These, dass diese „Obama-Manie“ in Deutschland nur deshalb existiert, weil es eben nicht um einen Kanzlerkandidaten für Deutschland, sondern um einen Präsidentschaftsbewerber von der anderen Seite des Atlantiks geht. Wenn es um die Auswahl unseres eigenen politischen Personals geht, dann gilt immer noch der berühmte Satz des Alt-Kanzlers Helmut Schmidt: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Wenn es um Bundestags- oder Kommunalwahlen geht, wollen die Menschen klare Aussagen und erwarten mehr als blumige Rhetorik. Sehr genau rechnen sie zum Teil nach, was bestimmte steuerpolitische Vorschläge für sie persönlich in Euro und Cent ausmachen würden. Und das ist auch gut so: eine gesunde Skepsis vor allen vollmundigen Versprechungen und schönen Worten zeichnet den mündigen Bürger aus und stabilisiert die Demokratie. Denn nur so verhindern wir einen gefährlichen Teufelskreis aus unrealistischen Hoffnungen und bitteren Enttäuschungen.
 
Was wir nach meinem Dafürhalten aber brauchen ist eine gesunde „transatlantische“ Mischung aus einer optimistischen Aufbruchstimmung (nach Art des gefeierten Obama zum Beispiel) und einer nüchternen deutschen Haltung, die nicht alles und jedem (mehr) glaubt, sondern die Dinge hinterfragt.
 
Das ist aber nicht zu verwechseln mit dem pessimistischen Zerreden von Politik, das leider bei uns in Mönchengladbach allzu häufig in Mode ist. Dass es bei uns zu viele Unken und zu wenig Optimisten gibt, spiegelt sich auch in der geringen Wahlbeteiligung. Es ist gut, dass wir dieses Problem in Mönchengladbach endlich angehen. Und es ist wichtig, dies überparteilich und langfristig zu tun. Kurzfristige effekthaschende Aktionen bringen da nichts. Denn guten Demokraten kann es auch bei uns nicht nur darum gehen, dass mehr Menschen den Weg ins Wahllokal finden. Wir müssen es vielmehr schaffen, die Menschen dauerhaft zumindest für Politik zu interessieren und im optimalen Fall für Politik zu begeistern. Dieser Aufgabe müssen wir uns über die Parteigrenzen hinweg stellen. Das beste Argument für ein politisches Engagement ist immer noch eine gute Politik. Die Menschen wollen in erster Linie keine überzeugenden Kampagnen, sondern Konzepte und gute Arbeit. Daran sind letztendlich alle Politiker zu messen – auch der in Berlin gefeierte Barack Obama.