Jeden ersten Sonntag im Monat
erscheint im Extra-Tipp in der
Ausgabe Mönchengladbach die
aktuelle Kolumne von Dr. Günter
Krings "Blick aus Berlin".

 

 

Olympia und Tibet

Noch sind es 123 Tage bis zum Beginn der XXIX. Olympischen Sommerspiele in Peking. Im Rahmen der Eröffnungsfeier wird das olympische Feuer am 8. August 2008 entzündet werden. Eigentlich sollte vier Monate vor dem großen Fest die Vorfreude allerorten spürbar sein, doch in diesen Tagen fällt auf die olympischen Ringe ein dunkler Schatten.

Im Vorfeld der Olympischen Spiele erschüttern blutige Unruhen das Land. Schlagartig ist der Tibet-Konflikt in den Focus der Weltöffentlichkeit gerückt. Angeführt von buddhistischen Mönchen gehen nicht nur in der Hauptstadt Lhasa Tausende auf die Straße, um an den Aufstand ihres Volkes gegen die chinesischen Machthaber vor knapp 50 Jahren zu erinnern. Nachdem die chinesische Volksarmee sich 1950 die Provinz gewaltsam einverleibt hatte, erhoben sich die Tibeter am 10. März 1959. Der Aufstand endete mit über 100.000 Toten und der nahezu vollständigen Vernichtung tibetischer Heiligtümer und Kultstätten. Seit dieser Zeit ist der völkerrechtliche Status der Provinz umstritten. Der Unabhängigkeitskampf der Tibeter hat seit dieser Zeit ein Gesicht: das des geistigen und politischen Führers des Volkes, der 14. Dalai Lama. Der Friedensnobelpreisträger von 1989 engagiert sich aus dem indischen Exil für die tibetische Sache. Nun verleumdet die chinesische Führung den Dalai Lama, der auf Einladung des Initiativkreises am 17. Mai 2008 Mönchengladbach besuchen und zum Thema „Menschenrechte“ sprechen wird, als vermeintlichen Unruhestifter. Die kommunistischen Machthaber müssen nun Acht geben, dass ihr einladendes Lächeln als weltoffene Gastgeber nicht als bloße Maske erscheint, hinter der sich etwas ganz anderes verbirgt. Unabhängige Berichterstatter werden ausgewiesen und die Zensur des Internets erreicht eine perfide Perfektion. Mit der Vergabe der Spiele nach Peking verband das IOC die Hoffnung, eine Öffnung des Landes und eine Verbesserung der Menschenrechtssituation zu bewirken. Eine offenbar leider unbegründete Hoffnung.

In Anbetracht der blutigen Zusammenstöße sind erste Forderungen nach einem Boykott der Olympischen Spiele laut geworden. Ich kann mich dieser Haltung nicht anschließen. Ein politisch motivierter Boykott ist in der Vergangenheit stets wirkungslos geblieben. Einen Boykott kann man nur ein einziges Mal durchführen, während ein Rechtsstaats- und Menschenrechtsdialog über lange Zeit wirken kann - auch über empfindliche Rückschläge hinaus. Auch der Sport kann so seine völkerverbindende Kraft entfalten. Nicht umsonst wenden sich der Dalai Lama und Menschenrechtsorganisationen gegen einen Boykott. Sie haben die Sprengkraft der Freiheit erkannt. Das kommunistische Regime wird der olympischen Idee, welche auf dem Respekt vor universalen und fundamentalen ethischen Prinzipien beruht, hoffentlich nicht gewachsen sein. Die Ächtung von Gewalt in der olympischen Charta bietet die Gelegenheit, die Machthaber zu stellen. Eine gleichgeschaltete Gesellschaft wird von 25.000 Journalisten, denen das Recht auf freie Berichterstattung zugestanden werden muss, erschüttert werden. Diese Chance auf ein Stück Freiheit müssen wir den Chinesen bewahren.

Der Sport taugt nicht als politisches Druckmittel. Nicht der Sport, sondern die Politik hat die Verwirklichung der Menschenrechte sicherzustellen. Es ist ein primäres Anliegen christdemokratischer Politik, den Schutz der Menschenrechte zu garantieren. Wir sind davon überzeugt, dass die Demokratie hierfür den besten Ordnungsrahmen darstellt. Diesen Prinzipien ist Angela Merkel im vergangenen September gerecht geworden, als sie den Dalai Lama im Kanzleramt empfangen hat. Angela Merkel hat der Volksrepublik China zu verstehen gegeben, dass die Bundeskanzlerin allein entscheidet, wen sie empfängt.