Jeden ersten Sonntag im Monat
erscheint im Extra-Tipp in der
Ausgabe Mönchengladbach die
aktuelle Kolumne von Dr. Günter
Krings "Blick aus Berlin".

 

 

Haiti – Perspektiven für ein geschundenes Land

Mit Bestürzung haben wir vor knapp vier Wochen die Nachricht vom schrecklichen Erdbeben in Haiti aufgenommen. Ein kleines Land beklagt Hunderttausende Tote, Verletzte und Obdachlose. Hinter diesen Zahlen verbergen sich die Schicksale unzähliger Menschen, die ihre Liebsten unter den Trümmern verloren haben – aber auch die eine oder andere wundersame Rettung. Die erschütternden Bilder aus der Karibik sind weltweit mit großer Anteilnahme verfolgt worden. Auch unser Land ist von einer Welle der Hilfsbereitschaft erfasst worden. Die großherzigen Spenden sind Ausdruck dieser Solidarität. Die Bundesregierung und die deutschen Hilfsorganisationen tun ihr Möglichstes, um vor Ort zu helfen. Die schrecklichen Bilder aus der Karibik relativieren aber für mich auch manches Problem, das uns in Deutschland als gravierend und kaum lösbar erscheint.
 
Die Notwendigkeit einer Soforthilfe darf jedoch nicht den Blick dafür verstellen, wie es um Haiti bereits vor dieser Katastrophe bestellt war. Bei der Insel, deren Fläche in etwa so groß ist wie Brandenburg, handelt es sich um das zweitärmste Land der Erde. Fast 80 % der 9 Millionen Haitianer hatten schon bisher täglich weniger als 2 Dollar zur Verfügung, jeder Zweite im erwerbsfähigen Alter ist arbeitslos. Haiti ist ein Land mit extrem schwachen staatlichen Strukturen; nicht umsonst sind 9.000 UNO-Blauhelme seit 2004 dort stationiert.
 
So geht es in Haiti nun um den Aufbau des Landes. Und gerade bei dieser schweren Aufgabe sollten wir die leidgeprüften Menschen nicht alleine lassen – auch nicht, wenn in wenigen Wochen die Fernsehteams allmählich wieder die Insel verlassen. Wenn wir uns in unserem Land oft über einen zu mächtigen oder bürokratischen Staat ärgern, so wären die Haitianer froh, wenn sie über eine funktionierende und starke Staatsgewalt verfügen würden. Genau dabei sollten wir mithelfen: einen Staat von Grund auf neu aufzubauen, der Sicherheit und Ordnung garantieren kann. Haiti könnte ein Hoffnungszeichen für arme Länder werden, wenn aus dieser „Stunde Null“ eine echte Perspektive für das geschundene Land entsteht.
 
 
Es grüßt Sie herzlich!

Ihr Mann in Berlin

Dr. Günter Krings